Wie ein Kostüm entsteht? Folgen wir dazu dem Kostüm von Edwige - Robinsons Verlobte in der Opera-Comique "Robinson Crusoe" von Jacques Offenbach , 2024 semi-staged an der Komischen Oper Berlin.
Semi-staged aufgeführte Weihnachtsoperetten sind in der Komischen Oper Berlin mit den Jahren zur Tradition geworden.
Semi staged bedeutet hier konzertant, in einer Kurzform der Geschichte mit einer Essenz der handelnden Figuren und musikalischen Höhepunkte und einem Erzähler, der durch die Geschichte führt. Meist waren es so 7-8 Solisten und ab und zu mischte sich ein Chorsolist oder Musikerin oder sogar der Dirigent mit ins Geschehen.
Eingeführt von Barrie Kosky in seinem ersten Jahr als Intendant, und 10 Jahre zumeist auch unter seiner Regie - sollte auch ich diese sogar die nächsten 13 Jahre als Kostümbildnerin begleiten.
Eine schöne Tradition zum 4.Advent – 2024 nun in der Regie von Felix Seiler.
Vom Konzept zur Figurine
Da die Stückfassung immer erst recht kurzfristig erarbeitet wird, müssen Konzept und Entwürfe parallel entstehen.
Und so fanden Felix und ich uns mehrfach zusammen und spannen den Faden unserer Fassung der Geschichte.
um das Gefühl der bot es sich an, im Biedermeier, der Zeit der Komposition zu bleiben.
Uns kamen Spitzendeckchen, gebügelte Tisch- und Geschirrtücher und Kleidung, die einem wenig Raum für Bewegung läßt, in den Sinn – weshalb Robinson da ja auch ausbrechen will und das Abenteuer sucht.
Um alles mit einem gewissen Augenzwinkern zu nehmen, sollten die Kostüme überzogen – etwas karikativ werden – auch hier bot sich das Biedermeier an.
Und so entstanden aus vielen „Kritzeleien“ Stück für Stück die Figurinen.
Mit der Figurinenübergabe übernimmt die Kostümbildassistentin
Da jetzt alle, die an der Umsetzung beteiligt sind, auch erfahren müssen, wie es werden soll, finden wir uns zur Figurinen-Übergabe zusammen, alle an einem großen Tisch – die stückführende Kostümbildassistentin, die Einkäuferin, Gewandmeisterin und Gewandmeister unserer Präsenzwerkstatt.
Für Übergaben gibt es unterschiedlichste Vorbereitungen der Kostümbildner – ich habe neben den Figurinen eine Übersicht der Figuren, der dazugehörenden Kostüme und Verwandlungen, die Ideengeber in Form eines Moodboards oder technischer Skizzen… und desto kniffliger ein Kostümteil erscheint, desto schneller sieht man, wie die DenkMaschinerie in den Köpfen angeworfen wird und diese sinnbildlich zu rauchen beginnen.
Nicht nur das Aussehen der Figur in allen Details wird besprochen, mindestens genauso wichtig ist, was das Kostüm können muß.
In diesem Fall erzählt das Kostüm einen großen Teil der Geschichte, Umzüge wegen fortschreitender Handlung sind kaum möglich. Die Sängerin der Edwige ging gerademal eine Textblock-Länge des Erzählers ab, bevor sie nach der Strandung wieder auf der Bühne erschien und andererseits gibt das Budget und die kurze Werkstattzeit keine 2 Kleider her.
Und so entstand die Idee, das Kleid durch austauschbare Teile des Kostüms zu verändern, der Wiedererkennungswert bleibt erhalten und dennoch erzählt die Veränderung den Lauf der Geschichte.
Mit diesen Informationen muß die Kostümbildassistentin nun die gesamte Produktion kalkulieren, planen und organisieren, die notwendigen Materialien und Fertigartikel besorgen, die Unterlagen erstellen….
Und nicht zu vergessen, es müssen auch noch für die verschiedenen Werkstätten und die Ankleider Unterlagen erstellt werden. Woher sollen sonst alle wissen, was wann wo wie im Detail gemacht werden soll. Und die kleinen Gewerke, wie Putzmacher, Spritzmaler/ Kostümbearbeitung und Schuhmacher, die wir so innerhalb der Stiftung nur im Bühnenservice haben, waren hier ja noch gar nicht dabei.
Die größte Herausforderung dieses Konzepts war die MaterialReferenz - Spitzendeckchen und Küchenhandtücher.
Die Spitzen haben wir wunderbarerweise in den tiefsten Tiefen unserer „Schatzkisten“ gefunden – einigen Materialkisten, die es schon länger hier gibt als uns.
Krinolinen fanden wir im Fundus, Schuhe im Internet…
Aber der Stoff war einfach nicht zu finden! Da die Kostüme so prägnant sind, sollten auch die Paare einen Bezug bekommen, in meinen Kostümen erzählen auch die Farben… und kein Stoffkatalog, kein Stoffladen, kein Markt, kein Internet konnte hier weiterhelfen. Ich sah uns schon wirkliche Küchenhandtücher kaufen und miteinander „verschmelzen“. (obwohl wir das auch bei einer Figur gemacht haben – was aber nichts mit dem fehlenden Stoff zu tun hatte).
Letzte Hoffnung war die gerade stattfindende „Berliner Visionen“ – eine Stoffmesse gleich um die Ecke. Aber auch hier – wunderschöne Stoffe – aber eben nicht das, was ich brauchte. Und nur ganz zufällig – am allerletzten Stand – ich hatte meine Jacke schon angezogen – hingen doch diese Musterkarten ….
Die Stoffe würden in Irland nach Beauftragung angerfertigt und das sollte alles in 4 Wochen möglich sein. Gerade noch perfekt für unseren Zeitrahmen!
Also erleichtert nach Hause (in die Oper), alles zusammengestellt, uns noch einmal der richtigen Metrage bei den Gewandmeistern versichert, den Bestellschein ausgefüllt, alle Unterschriften eingeholt (die Gesamtsumme war bei der Kleider-Stoff-Menge für 6Kostüme etwas höher) und der Einkäuferin übergeben.
Es geht in die Werkstatt
Mein Wunsch nach dem besonderen Ärmel bedeutete erst einmal einige Muster – was ja eine passionierte Gewandmeisterin eher anregt, als blockiert.
Die Muster helfen auch, die Proportionen auszuloten – bevor man in den Originalstoff schneidet. Allzu oft ist genau der Wunschstoff nur in geringer Menge da, daß man schon ganz schön zirkeln muß, damit es paßt. Und dann kann man sich keinen Verschnitt leisten…
Nicht genug Stoff war hier nicht das Problem – nach 4 Wochen war nicht mal abzusehen, wann er eintreffen würde. Und was heute fast normal ist, kündigte sich da schon an – sie hatten es nicht schaffen können. Oder hatten wir bei der Bestellung etwas übersehen?
Die Werkstatt zog andere Aufgaben vor und stellte sich schon auf Nachtschichten ein. Meine Kolleginnen und ich recherchierten und grübelten, was wir alternativ nehmen könnten, und wo wir das dann herholen würden…
Wir baten den Hersteller dringend, wenigstens Teillieferungen zu schicken.
Und dann war der Theatergott doch mit uns….
mit Lieferung fielen uns nicht nur fast die schweren Rollen vom Wagen, sondern unendlich viele Steine purzelten an jeder Ecke der Abteilung von diversen Herzen.
Und los ging´s!
Trotz der knappsten Zeit wurde mit so viel Hingabe jedes Kostüm, jedes Detail bis zum Innenleben perfekt gearbeitet und spätestens in der Anprobe zeigte sich dann, ob alle Überlegungen und Muster zum Ziel geführt haben.
Und wer ist noch beteiligt?
Das pure Kleid macht noch nicht die Figur. Die Dame benötigte eine Perücke – eine hohe Perücke! Und dann soll auch noch ein Kopfputz eingearbeitet werden. Und spätestens hier sieht man, wie die Abteilungen ineinandergreifen. Wenn auch die Perücke von der Maske kommt, den Kopfschmuck machen nun wiederum die Kolleginnen vom Putz im Bühnenservice.
Normalerweise mit einer großen Werkstattübergabe vor Ort, haben wir uns hier aus Zeitgründen für kleine Einzelübergaben direkt in den Werkstätten entschieden.
Aber diese Detailbesprechungen machen dann auch hier erst richtig Spaß, denn nachdem man sich erst einmal auf die Hauptform und Materialien geeinigt hat, braucht es noch den „Putz“ und da gibt es nicht nur bei uns, sondern auch hier unter jedem Tisch noch Schatzkisten mit kleinen Börtchen, Schleifen, Spitzen… und am Ende entsteht ein kleines Wunderwerk.
Für das Kostüm der Edwige benötigen wir weiter keine anderen Gewerke (wie Kostümbearbeitung oder Schuhmacher) – also wieder zurück in die Oper.

das Kostüm wird zusammengestellt
Einige Tage später: mit etwas Glück sind die bestellten Schuhe rechtzeitig per Post gekommen, die Werkstätten haben es geschafft, weil die Sängerin zeitig genug zur Anprobe kommen konnte, so daß genug Zeit für die Werkstatt zur Ausfertigung blieb, der Kopfputz ist aus dem Bühnenservice angekommen und die Maske hat eine wundervolle Perücke gezaubert. Wenn all das eingetroffen ist, kann die Kostümbildassistentin endlich alles zusammenstellen und das gesamte Kostüm anhand der zuvor geschriebenen Kostümzettel auf Vollständigkeit prüfen, bevor sie dann alles an die eingeteilte Ankleiderin der Sängerin übergibt.
Auch die Ankleiderin sieht sich noch mal alles durch, versucht das Kostüm „zu verstehen“ – denn wir haben hier bei Edwige ja auch Verwandlungen im Kostüm, die die Ankleiderin machen wird. Wie sieht das Kostüm also vollständig aus (am Anfang), wann verschwindet der Unterrock, wie werden die schönen Schleifen und Ärmel mit den hängenden ausgetauscht…? Viele große Fragezeichen, die sich Stück für Stück auflösen.

Bereit für die Endproben
Endlich – alles zum ersten Mal auf der Bühne. Jetzt wird es noch einmal richtig spannend – funktioniert alles, paßt alles oder zwickt das Mieder, drücken die Schuhe, oder ist die Sohle doch noch zu rutschig? Klappt der Umzug, müssen wir etwas anders präparieren oder einfach noch mal proben und es spielt sich dann ein?
Noch stehen die Kolleginnen und Kollegen der Werkstatt parat und könnten vereinzelte Änderungen vornehmen. Wenn es zeitlich noch zu wuppen ist.
Denn die Endproben der Weihnachtsoperette sind Freitagvormittag und die Generalprobe ist schon am nächsten Vormittag. Es bleibt nicht so viel Zeit, wie gewohnt.
Wir hatten aber Glück und bei Edwige ist so gut wie alles, wie geplant.
Die Premiere kann kommen!
Leider gab es von Robinson Crusoe nur wenige Vorstellungen. Eben eine Produktion für die Weihnachtszeit.
Und so ist sie abgespielt und nicht mehr im Repertoire. Was bedeutet, es wird alles aufgelöst und im Idealfall erzählen die Kostüme in einer anderen Produktion wieder eine Geschichte.
Edwige tut es, sie wurde in den letzten Monaten der Star der Kostüm- Spezial Führungen und erzählt die Geschichte, die ich hier aufgeschrieben habe…

Und für alle, die mehr, oder sogar das Kleid leibhaftig erleben wollen -
achtet auf die News hier oder bei Instagram....







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